
Am 28. April forderte die GEW Hamburg die Bürgerschaft auf, den Stopp weiterer PAS-Schließungen zu beschließen. Der Hintergrund: Die Stadt hatte angekündigt, das Modell der Praxisausbildungsstätten zu überprüfen und teilweise zurückzufahren. Die Gewerkschaft sieht darin eine Gefahr für die Ausbildungsqualität – und damit für die künftige Fachkräfteversorgung. Die Bürgerschaft soll am 6. Mai entscheiden, ob es ein Moratorium gibt, ob bisherige Schließungen transparent dokumentiert werden und ob alle Akteur:innen (Träger, Schulen, Azubis) in die Weiterentwicklung einbezogen werden.
Für angehende Erzieher:innen bedeutet das: Ihre Praxisstelle ist keine Nebensache. Sie prägt, wie sie den Beruf lernen – und ob sie ihn später ausüben wollen.
Eine PAS ist eine Kita, die offiziell als Ausbildungsort anerkannt ist und dafür zusätzliche Mittel bekommt. Das heißt konkret: mehr Personalstellen, feste Praxisanleiter:innen mit entsprechender Qualifikation, und Zeitbudget, das ausdrücklich für Anleitung vorgesehen ist – nicht für Gruppendienst.
In Hamburg gab es bis vor kurzem rund 50 solcher Einrichtungen. Sie wurden gezielt gefördert, um PiA (Praxisintegrierte Ausbildung) und andere Ausbildungsformen qualitativ zu begleiten. Eine PAS unterscheidet sich von einer Regelkita dadurch, dass Anleitung nicht „nebenbei" läuft, sondern Teil des Dienstplans ist.
Ein Beispiel: In einer PAS ist die Praxisanleiter:in zwei Stunden pro Woche freigestellt, um mit der Azubi zu reflektieren, Lernsituationen zu besprechen, Lernziele abzugleichen. In einer Regelkita steht dieselbe Person gleichzeitig als Springer zur Verfügung und wird bei Krankmeldungen eingeplant. Das macht den Unterschied zwischen „ich lerne hier etwas" und „ich funktioniere hier".
Typisches Missverständnis: „Jede Kita kann ausbilden." Formal stimmt das oft – viele Träger haben die Berechtigung. Praktisch fehlen aber genau die Ressourcen, die eine PAS mitbringt: Zeit, Struktur, Haltung.
Weil sie nicht nur Azubis produzieren, sondern Fachkräfte, die bleiben. Studien zeigen: Wer in der Ausbildung schlecht begleitet wird, bricht ab oder wechselt nach der Prüfung den Beruf. Wer gute Anleitung bekommt, bleibt – und empfiehlt die Einrichtung weiter.
PAS wirken auf drei Ebenen:
Umgekehrt gilt: Wenn Azubis in Regelkitas landen, wo Anleitung „irgendwann mal" passiert und sie hauptsächlich Lücken stopfen, sinkt die Motivation. Sie sehen den Beruf, wie er aktuell ist – nicht wie er sein könnte.
Praxisbeispiel: Eine PiA-Azubi beschreibt es so: „Ich lerne viel, aber im Alltag bleibt keine Zeit für Anleitung. Wenn ich Fragen habe, heißt es: Später, gerade ist Chaos." Das „Später" kommt selten.
Drei konkrete Folgen:
Für Azubis: Sie werden zu billigem Personal. Ohne feste Anleitungsstruktur bleibt nur „learning by doing" – oft ohne Reflexion, ohne Einordnung, ohne Korrektur. Das führt zu Unsicherheit, Fehlern und Überforderung. Viele brechen ab oder wechseln nach der Ausbildung in andere Bereiche.
Für Teams: Die Belastung steigt. Praxisanleitung ist zusätzliche Arbeit. Wenn sie nicht als eigene Aufgabe anerkannt und eingeplant wird, bleibt sie liegen – oder läuft nebenher, halbgar. Das frustriert sowohl Anleiter:innen als auch Azubis.
Für Kinder: Schlechte Ausbildung bedeutet schlechte Betreuung. Azubis, die nicht begleitet werden, orientieren sich an dem, was sie sehen – und das ist im Personalmangel oft Notbetrieb, nicht gute Praxis. So setzt sich ein Muster fort, das niemand will.
Teamkonflikt-Beispiel: Eine Praxisanleiter:in ist offiziell benannt, wird aber ständig als Springer eingeplant. Das Team weiß: „Eigentlich sollte sie Zeit für die Azubi haben." Passiert aber nicht. Die Azubi fühlt sich im Stich gelassen, die Anleiter:in überlastet, das Team gespalten.
Drei Dinge:
Zeit: Mindestens zwei Stunden pro Woche für Reflexion und Lernbegleitung, fest im Dienstplan. Nicht „wenn es sich ergibt", sondern verlässlich.
Qualifikation: Praxisanleiter:innen brauchen eine entsprechende Weiterbildung. Es reicht nicht, „schon lange dabei" zu sein. Anleitung ist eine eigene Kompetenz: Feedback geben, Lernziele formulieren, Entwicklung begleiten.
Rahmenbedingungen: Die Einrichtung muss Anleitung als Aufgabe anerkennen. Das heißt: nicht als „Goodie", sondern als Teil der Personalplanung. Wenn die Anleiter:in ständig einspringt, weil Personal fehlt, funktioniert das System nicht.
Trägerentscheidung-Beispiel: Ein Träger steht vor der Wahl: Investiere ich in eine halbe Stelle für Praxisanleitung oder nutze ich das Budget, um kurzfristig die Gruppenlücke zu schließen? Kurzfristig scheint die Lücke dringender. Langfristig fehlen dann aber genau die Fachkräfte, die gut ausgebildet wurden – und der Mangel verschärft sich.
Träger:
Leitungen:
Auszubildende (PiA, FSJ, Praktikant:innen):
Diese Fragen klingen banal. Aber in der Praxis werden sie oft nicht gestellt – oder mit „läuft schon irgendwie" beantwortet. Das reicht nicht.
Nein. PAS ist kein eigener Kita-Typ, sondern eine Funktion. Jede Kita kann theoretisch PAS werden, wenn sie die Voraussetzungen erfüllt: entsprechendes Konzept, qualifiziertes Personal, zeitliche Ressourcen für Anleitung. In Hamburg wurden PAS zusätzlich gefördert, um diese Funktion systematisch aufzubauen. Ob eine Kita PAS ist oder nicht, sagt also nichts über die pädagogische Ausrichtung (Montessori, Waldorf etc.), sondern über die Ausbildungskapazität.
Drei Kriterien:
Wenn auf die Frage „Wie läuft die Anleitung?" nur „Du wirst gut begleitet" kommt, ohne konkrete Details – Vorsicht.
Verantwortlich ist die benannte Praxisanleiter:in. Sie braucht eine entsprechende Qualifikation (meist eine Weiterbildung im Umfang von 40–100 Stunden, je nach Bundesland) und sollte mindestens zwei Stunden pro Woche ausschließlich für Anleitung zur Verfügung haben – nicht für Gruppendienst. In manchen Bundesländern sind drei Stunden vorgeschrieben. Wenn weniger Zeit eingeplant ist, läuft Anleitung nur nebenbei – und das reicht nicht.
Drei Schritte:
Das kostet kein zusätzliches Budget, aber Klarheit und Konsequenz.
PAS sind keine Luxus-Kitas, sondern ein systematischer Versuch, Ausbildung ernst zu nehmen. Sie zeigen, was funktioniert: Zeit, Struktur, Haltung. Ihr Wegfall verschiebt das Problem nicht – er verschärft es. Wenn Azubis in Regelkitas landen, wo Anleitung „irgendwie mitläuft", sinkt die Qualität der Ausbildung. Und damit die Chance, dass sie im Beruf bleiben.
Die politische Debatte in Hamburg ist ein Stellvertreter-Konflikt: Investieren wir in Ausbildung oder sparen wir an der falschen Stelle? Träger, Leitungen und Auszubildende sollten die Fragen aus diesem Artikel nicht als Checkliste abhaken, sondern als Entscheidungsgrundlage nutzen: Wird Anleitung hier ernst genommen – oder ist sie ein Nebenschauplatz?
Egal wie die Bürgerschaft am 6. Mai entscheidet: Gute Praxisanleitung braucht Ressourcen. Wer sie nicht einplant, bekommt keine Fachkräfte – sondern frustrierte Azubis und überlastete Teams.